Istanbuler Szenen einer Ehe

Neues türkisches Autorenkino: die Ehestudie Jahreszeiten ­ Iklimler von Nuri Bilge Ceylan

Mit wenigen Filmen hat Nuri Bilge Ceylan seine persönliche Filmsprache vervollkommnet, einen langsamen Bilderfluss größter Intensität, leiser Dramatik und stoischer Traurigkeit. Seit 1995 hat der Istanbuler Autor, Produzent und Regisseur fünf Filme gedreht, von denen "Uzak" 2002 in Cannes als bester Film ausgezeichnet wurde. "Jahreszeiten", der neue Film, räumte als konsequentes Beispiel eines neuen türkischen Autorenkinos die inländischen Filmpreise 2006 ab.

Wie "Uzak" kreist auch "Jahreszeiten" um einen sprachlosen, seiner Gefühle nicht sicheren Mann, der einsam und verschlossen bleibt, wenn er auch aufbricht, um seine gescheiterte Ehe zu retten. Was Nuri Bilge Ceylan zum Erzählen treibt, ist die offensichtliche Leere, Hilflosigkeit und Resignation einer bestimmten Schicht unter den westlich lebenden, satt konsumierenden, lustlos den Kulturbetrieb bedienenden Intellektuellen seiner Stadt. Reisen Richtung Osten, ins traditionelle türkische Hinterland, sind für seine Figuren stets die Begegnung mit traumschönen Landschaften, aber auch dem Gefühl der Fremde und Unzugehörigkeit im eigenen Land.

"Jahreszeiten" schildert in wenigen, erratisch für sich stehenden Episoden, wie eine Ehe zerbricht ­ ein in der Türkei längst nicht alltägliches Thema. Das Protagonistenpaar wird dabei von Nuri Bilge Ceylan und seiner Ehefrau gespielt. Isa, ein Kunsthistoriker, erlebt im Sommerurlaub an der Küste, wie seine Frau Bahar, eine Fernsehproduzentin, schweigsam und zunehmend aggressiver die Trennung betreibt. Bereits die Eingangsszene in einer verlassenen Tempelstätte, in der Isa fotografiert und Bahar sich langweilt, ist eine genau komponierte, gedehnte Zeitschleife, die an den Stil von Michelangelo Antonioni erinnert. Der zerknautschte Isa gibt sich autistisch angesichts der Wut seiner schönen Frau, die ihm Affären vorhält und überraschende Racheattacken startet. Verloren in Istanbul, nimmt Isa mit einer grandiosen, wortlos aggressiven Verführung seine frühere Sexbeziehung zu Serap (Nazan Kesal) wieder auf. In immer dunkleren Winterbildern macht er sich am Ende zu Bahar auf, die eine frömmelnde Herz-Schmerz-Serie in Anatolien produziert. Inmitten des dörflichen Trubels der Dreharbeiten trifft Bahar ihre Entscheidung. Nuri Bilge Ceylan entdeckt in "Jahreszeiten" die Langsamkeit, die verrinnenden Momente für eine ergreifende Studie der Verzweiflung.

Iklimler Türkei 2006; Regie: Nuri Bilge Ceylan; Darsteller: Ebru Ceylan (Bahar), Nuri Bilge Ceylan (Isa), Nazan Kesal (Serap); Farbe, 104 Minuten;

Kinostart: 27. September 2007

Claudia Lenssen

TIP 20/07