Die Gewesenen

Stark, still, schmerzhaft, schön: Nuri Bilge Ceylans Liebesdrama „Jahreszeiten“.
Von Jan Schulz-Ojala

Ein Sommertag am Meer. Bahar und ihr Freund Isa liegen am Strand bei Kas, einem Städtchen an der türkischen Mittelmeerküste, es ist Mittag und heiß, und Isa spielt zum Zeitvertreib ein Kinderspiel: einbuddeln die Geliebte im Sand und zudecken, sie verschwinden lassen, bis nur noch das Gesicht rausguckt. Bahar genießt das Spiel, stumm und froh. Und plötzlich schaufelt Isa ihr den Sand auch übers Gesicht, noch eine Handvoll am liebsten und noch eine, Bahar schreckt hoch, und Schluss mit lustig, aus der Spaß.

Nur ein Traum, diese Szene. Das Heitere und das Allerschlimmste in einem: begraben werden bei lebendigem Leibe. Tatsächlich ist Isa seltsam abwesend in diesen Tagen am Meer, tatsächlich kann Bahar genauso gut allein schwimmen gehen. Es ist ein Paar am Ende der Liebe, es hat sich dieses Ende nur noch nicht gesagt. Es muss noch ein Abend vergehen bei Freunden und eine Nacht, dann wird alles gesagt in einem Satz oder zweien.

Isa und Bahar sind Gewesene. Wie aus einer fernen Zukunft, in der Glück und Unglück nicht mehr zählen, blickt die Kamera auf dieses Paar. Ohne Anlauf zeigt sie nur, woran man sich erinnert, wenn eine gewesene Liebe zu entgleiten beginnt: Bilder, Bewegungen, Blicke. Ein Zögern vielleicht im entscheidenden Augenblick. Es wird auch gesprochen noch, aber was gesprochen wird, vergeht als Erstes. Bilder dagegen gehen nur vom brennend Deutlichen in die bleibende Unschärfe über.

Nuri Bilge Ceylan, der melancholische Weltbürger unter den türkischen Filmemachern, erzählt in seinem vierten Spielfilm vom nahezu lautlosen Zerbrechen einer Beziehung. Oder besser: Er stellt mit äußerster Sorgfalt Standbilder nach vom Auseinandergehen – als ausgebildeter Fotograf, der auch in seinen Filmen die meist starren Kamerapositionen bestimmt. Drei Episoden, drei Ewigkeiten: Sommer am Meer (die Trennung), Herbst in Istanbul (Isas Rückkehr in eine Sex-Affäre), Winter in der Osttürkei (das Wiedersehen mit Bahar, die inzwischen am Set einer Fernsehproduktion arbeitet). Mehr braucht es nicht.

Mit Antonioni, Tarkowski und Kiarostami, den Übervätern des in die philosophische Reduktion treibenden Autorenfilms, wird Nuri Bilge Ceylan gerne verglichen – und entwirft doch ein völlig eigenes Universum. Mit realen Verwandten vor der Kamera (auch in „Jahreszeiten“ haben die Eltern einen Kurzauftritt) dringt er so wach wie kühl zum Kern von Familien-, Liebes- und Lieblosigkeitsgeschichten vor. Diesmal gibt er selber mit seiner 17 Jahre jüngeren Ehefrau Ebru Ceylan, die in ihrem mimischen Minimalismus eine großartige Schauspielerin ist, das Paar, das sich trennt. Was für eine Liebe, die so gültig von der Auflösung der Liebe erzählen kann!

Am tiefsten im Gedächtnis bleibt die dritte Episode dieses Films, der 2006 in Cannes den Fipresci-Kritikerpreis gewann. Isa reist Bahar in den Schnee hinterher, er nimmt ein Zimmer im Dorfgasthof, und sie empfängt ihn im Teambus zu einer Art Gespräch. Wie es gehen kann zwischen Männern und Frauen: Sie wollte sich nicht trennen damals, und nun hält sie es aus; er wollte sich trennen und hält es nicht aus. Er wird sie erneut belügen, damit fängt es an, und sie wird ihm glauben oder nicht glauben, damit geht es weiter. Und der Schmerz, den sie doch schon hinter sich zu lassen wusste, findet zurück in ihre Augen.

Nur einmal sehen wir sie lächeln in diesen späten Augenblicken, es ist früher Morgen nach einem Traum, und ausnahmsweise erzählt sie ihn. Über wehendes Wiesengras sei sie geflogen, sagt sie, über einen Friedhof „oder so was Ähnliches“, und ihre Mutter habe ihr zugewunken, „ach, dachte ich“, sagt Bahar, „sie lebt ja noch!“ Es könnte auch ein Willkommensgruß gewesen sein.

fsk, Karli Neukölln (beide OmU)

(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 27.09.2007)