Liebe im Klimamodell

Am Ende ist Winter der Herzen: Zum Kinostart des türkischen Autorenfilms »Iklimler«
Tina Heldt

Iklimler – Jahreszeiten«, der neue Film des türkischen Regisseurs, Autors und Schauspielers Nuri Bilge Ceylan, war in Frankreich und in den USA ein Kritikererfolg. In Cannes gewann »Iklimizer« 2006 den Preis der internationalen Filmkritik. 2003 hatte Ceylan dort für seinen Film »Uzak – Weit« schon den Jurypreis bekommen. Ein international renommierter Regisseur also, vielleicht einer der letzten Vertreter des ehemals generell mit einem guten Ruf ausgestatteten türkischen Autorenfilms.

Als Vorbild für Ceylans Arbeit wird immer wieder Michelangelo Antonioni genannt. Aber gibt es auf der Welt noch irgendeinen Autorenfilmer, der nicht von Antonioni »beeinflußt« wäre?

Thematisch ist der Bezug klar. In »Jahreszeiten« geht es um die Trümmerhaufen des Intimlebens. Wie in »L'Avventura«, »La Notte« oder »Identificazione di una Donna«.

Stationen im Leben eines Paares, genauer: der Vollzug einer Trennung. Protokoll von deren Schmerzlichkeit, Zwangsläufigkeit, Irreversibilität. Der Plot des Films ist dabei schnell erzählt. Das Paar, ein Archäologe und eine TV-Produzentin, fährt in den Sommerurlaub und trennt sich abrupt. Zurück in Istanbul hat der Archäologe eine Affäre mit der Ehefrau eines Bekannten, die offensichtlich so desaströs verläuft, daß er die TV-Produzentin wiederhaben möchte. Die dreht inzwischen im eisigen Hochgebirge der Osttürkei einen Film. Er reist ihr unter einem Vorwand nach und möchte sie gleich wieder nach Istanbul mitnehmen. Sie verneint. Es ist endgültig vorbei.

Das jeweils für die Jahreszeit typische Wetter steht Station für Station offensichtlich Modell für das Klima der Liebe, übertragen für das gesellschaftliche Klima überhaupt. Die Hitze des Urlaubsstrandes etwa ist keineswegs die Hitze von Leidenschaft, sondern die von Wut und Panik. Direkt am Strand hat die Frau einen Alptraum, in dem der Mann sie lebendig begräbt. Flirrende Hitze, böse Vorahnungen. Später ein Abendessen bei einem befreundeten Paar. Die Tischkonversation eskaliert nach einigen Augenblicken des berühmten peinlichen Schweigens zu Szenen offenen Hasses. Schließlich beendet der Mann den gemeinsamen Urlaub mit dem Vorschlag sich zu trennen. Abrupt. Die Frau bleibt verzweifelt zurück. Ziemlich verzweifelt, obwohl sie doch längst wußte, daß sie nichts Gutes zu erwarten hat.

Das Paar wird übrigens von Nuri Bilge Ceylan und seiner Ehefrau im wirklichen Leben, der großartigen Ebru Ceylan, gespielt. Das Private und das Exemplarische vermischen (verdoppeln) sich. Zumindest kann mit diesem Gedanken gespielt werden.

Gedreht wurde mit digitaler Videotechnik. Kaum ein Zufall. Schließlich ermöglicht die mobile und billige Videotechnik wie kaum etwas anderes das Porträt bzw. die Simulation des Privaten, Intimen. Kann dieses andererseits auch in härtere Kontraste setzen. Bekanntlich hat Video eine größere Tiefenschärfe als Film. Und so wird in »Jahreszeiten« der Bildhintergrund, die Sandhügel des Strandes zum Beispiel, fast ebenso bedeutsam wie die Hauptfiguren.

Das Kino kehrt dank digitaler Technik gleichsam zu seinen Ursprüngen zurück. Versuch der Unmittelbarkeit. Intensives, Elementares. Gesichter und Landschaften.

Gerade der Autorenfilm hat sich inzwischen sehr in die Videotechnik verliebt, ist inspiriert von Dokumentarfilm, Amateurvideo und Pornographie. Deutlich wird das im Mittelteil des Films. Eine lange Sexszene zwischen dem Archäologen und der Frau des Freundes (Nazan Kesal) in deren Wohnung. Diese Szene ist vollständig von einer latenten Aggression bestimmt – das Eindringen eines fast Fremden in gleichsam feindliches Territorium (eine postbürgerliche Design-Atmosphäre, wie sie den Wohnungen der »Kreativen« wohl weltweit eigen ist). Die Aggression eskaliert schließlich in der Inszenierung einer Vergewaltigung. In extremen Nahaufnahmen auf dem Holzfußboden zwischen Knabberzeug und Aschenbecher. Die »Vergewaltigung« ist aber in jedem Sinne eine Inszenierung, nichts weiter als die Konvention, mit der die beiden ihr sexuelles Verhältnis zu organisieren scheinen.

Im Schlußteil des Films, wenn der Archäologe seine alte Freundin wiederhaben möchte, es aber nicht draufhat, ausreichend demütig und nachhaltig zu bitten, regieren endgültig Landschaft und Wetter.

Schneesturm im Gebirge. Es ist Winter in den Herzen. Kalt und windig. Soll offenkundig Mißvergnügen und Ratlosigkeit porträtieren und vermitteln. Tut es auch, mit Erfolg.