Iklimler (Climates)

Mit Iklimler setzt der Istanbuler Regisseur Nuri Bilge Ceylan (Uzak) seine Studie einsamer, kontaktunfähiger türkischer Männer fort.
Von Martin Rosefeldt

Synopsis:
Der Archäologieprofessor BAHAR (Ebru Ceylan) und Isa (Nuri Bilge Ceylan), die für eine türkische TV−Soapopera arbeitet, verbringen ihren Urlaub an der türkischen Mittelmeerküste. Ihre Beziehung ist erkaltet, Isa trennt sich von Bahar. Jahre später bereut Isa seine Entscheidung und versucht, seine Liebe zu retten.

Kritik:
‚Der Mensch wurde dazu bestimmt, aus einfachen Beweggründen glücklich zu sein und aus noch einfacheren Gründen zum Unglücklichsein – genauso, wie er aus simplen Gründen geboren wird und noch banaleren sterben muss.’ Mit dieser stoizistisch anmutenden Feststellung hat Nuri Bilge Ceylan, der mit Uzak vor 3 Jahren in Cannes den Großen Preis der Jury gewann, seinen neuen Film Iklimler überschrieben. Das Binnenklima dieser bürgerlichen Beziehung zwischen einer TV−Produzentin und einem Archäologen, der wie auch einer seiner Protagonisten in Uzak der säkular geprägten, intellektuellen Istanbuler Mittelschicht zuzuordnen ist, skizziert Ceylan mit wenigen, meditativen, statischen Einstellungen: Isa und Bahar haben sich als Urlaubsort antike griechische Ruinen ausgesucht – Synonym für eine in Ruinen liegende Beziehung. Während Bahar – gespielt von Ceylans Ehefrau Ebru, an einer Säule lehnt und Tränen über ihr von der späten Nachmittagssonne erleuchtetes Gesicht laufen, fotografiert ihr Mann unbeteiligt zwischen Ruinen. Die
Sprachlosigkeit des Paares setzt sich fort, erst im Hotelzimmer, dann auf einem Abendessen bei in die Provinz gezogenen Freunden, als Bahar einen Eklat provoziert. Die aufgestaute Spannung kulminiert am darauf folgenden Tag am Strand, die Ceylan in einer großartig gefilmten Szene einfängt. Traum und Realität verschmelzen in den Köpfen des entfremdeten Paares. Großartig ist der Moment, in der Isa seiner Frau erst seine Liebe gesteht, sie dann mit Sand begräbt, um sie schließlich zu ersticken. Alles nur ein böser Traum, doch wenig später ist ihre Trennung Realität.

Faszinierend ist auch in seinem neuen Film wieder, wie bestechend genau Ceylan seine Bilder komponiert, wie er die Kamera immer millimetergenau auf dem richtigen Fleck postiert, wie er mit winzigen Gesten den Gefühlszustand seiner Protagonisten verdeutlicht, wie er die Natur mit ihren unterschiedlichen Lichtstimmungen und Jahreszeiten als Protagonisten in seine Inszenierung mit einzubeziehen vermag. Im Moment des endgültigen Bruchs beispielsweise steht neben Isa der Strahlenkranz der bereits untergegangenen Sonne hinter der Blätterkrone eines weit entfernten Baumes. Später fällt in der ostanatolischen Provinz, wohin Isa seiner Verflossenen viel zu später hinterher reist, Schnee − so viel, das er allen Schmerz über die Unfähigkeit dieses Mannes, seine Gefühle zu offenbaren, erstickt. Die unbeteiligte, gleichgültige Natur – sie scheint der einzige Trost zu sein im Angesicht der menschlichen Unfähigkeit zum Glück.

Nuri Bilge Ceylan ist auch ein großartiger Schauspieler, der diesmal selbst in die Rolle seines seelisch verkrüppelten Protagonisten geschlüpft ist. Sein Äußeres verrät nichts darüber, wie es in seinem Inneren aussieht. Die seelische Wüste in ihm manifestiert sich in dürren, grausamen Worten gegenüber seiner Frau oder in winzigen Taten, die offenbaren, dass dieser Mann in seiner tradierten Rolle als patriarchalischer, Macht ausübender Ehemann unrettbar gefangen ist, obwohl äußerlich doch alles auf einen modernen, die Ebenbürtigkeit seiner Partnerin akzeptierenden Mannes hinzuweisen scheint.

Im Mittelpunkt der faszinierendsten Szene von Iklimler steht eine Haselnuss – eine Haselnuss, die Isa schon etwas alt geworden aus der Schale seiner Geliebten Serap gefischt hat, zu der er nach seiner Trennung von Bahar zurück geflüchtet ist, die er erst vergeblich in seinen Mund zu befördern sucht, die er dann seiner Geliebten in den Mund stecken will und als diese sich weigert und ihn verlacht, ihr nach einem minutenlangen Vergewaltigungsversuch, der mit Seraps Kapitulation endet, als Ausdruck seines Triumphs doch noch mit Gewalt in ihren Mund steckt. So lange diese Gesten der (Ohn−)Macht weiter eingefordert werden, so scheint Ceylan an die Adresse der türkischen Männer gerichtet zu sagen, ist das Unglück ihrer Beziehungen
vorprogrammiert.
Sterne: ***